Lied von der Einsamkeit

[109] Ueber mir das hellgestirnte Himmelsdach,

Alle Menschen dem Schlaf ergeben,

Ruhend von dem mühevollen Leben,

Ich allein, allein im Hause wach.


Trübe brennt das Licht herunter;

Soll ich aus dem Fenster schauen

'nüber nach den fernen Auen?

Meine Augen bleiben munter.


Soll ich mich im Strahl ergehen

Und des Mondes Aufgang suchen?

Sieh', es flimmert durch die Buchen,

Weiden am Bach im Golde stehen.
[110]

Ist es nicht, als käme aus den Weiden

Ach! ein Freund, den ich lange nicht gesehn,

Ach, wie viel ist schon seither geschehn,

Seit dem quaalenvollen, bittern Scheiden!


An den Busen will ich ihn mächtig drücken,

Sagen, was so ofte mir gebangt,

Wie mich inniglich nach ihm verlangt,

Und ihm in die süßen Augen blicken.


Aber der Schatten bleibt dort unter den Zweigen,

Ist nur Mondenschein,

Kömmt nicht zu mir herein,

Sich als Freund zu zeigen.


Ist auch schon gestorben und begraben,

Und vergeß es jeden Tag,

Weil ich's so übergern vergessen mag;

Wie kann ich ihn denn in den Armen haben?
[111]

Geht der Fluß murmelnd durch die Klüfte,

Sucht die Ferne nach eigner Melodie,

Unermüdet sprechend spat und früh:

Wehn vom Berge schon Septemberlüfte.


Töne fallen von oben in die Welt,

Lust'ge Pfeifen, fröhliche Schallmey'n,

Ach! sollten es Bekannte sein?

Sie wandern zu mir über's Feld.


Fernab erklingt es, keiner weiß von mir,

Alle meine Freunde mich verlassen,

Die mich liebten, jetzt mich hassen,

Kümmert sich keiner, daß ich wohne hier.


Ziehn mit Netzen oft lustig zum See,

Höre dann das ferne Gelach;

Seufze mein kummervoll Ach!

Thut mir der Busen so weh.
[112]

Ach! wo bist du Bild geblieben,

Engelbild vom schönsten Kind?

Keine Freuden übrig sind,

Unterstund mich, dich zu lieben.


Hast den Gatten längst gefunden,

Wie der fernste Schimmerschein,

Fällt mein Name dir nicht ein,

Nie in deinen guten Stunden.


Und das Licht ist ausgegangen,

Sitze in der Dunkelheit,

Denke, was mich sonst erfreut,

Als noch Nachtigallen sangen.


Ach! und warst nicht einsam immer?

Keiner der dein Herz verstand,

Keiner sich zu dir verband. –

Geh auch unter Mondesschimmer.
[113]

Lösche, lösche letztes Licht!

Auch wenn Freunde mich umgeben,

Führ' ich doch einsames Leben:

Lösche, lösche, letztes Licht,

Der Unglückliche braucht dich nicht!

Quelle:
Ludwig Tieck: Gedichte. Teil 1, Heidelberg 1967, S. 109-114.
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